Der Vogelwinter 2017/18 in Süd-Niedersachsen: So weit die Flügel tragen – Besuch aus der Taiga

Birkenzeisig. (C) Volker Hesse

Abb. 1: Birkenzeisig. Foto: V. Hesse

Im Dezember 2017 und Januar 2018 war es dunkel, sehr dunkel. Und sehr, sehr nass. Nur ganz selten riss, zwischen zwei Regengüssen, das dichte Gewölk auf. Dann klammerten sich blasse Kleinkinder in Panik an ihre Eltern, weil sie plötzlich von einem Feuerball geblendet wurden. Gerüchten zufolge soll es sich dabei um ein Gestirn namens “ Sonne“ gehandelt haben. Im Dezember schien sie nur 16 Stunden, im Januar war es ähnlich. Damit wurde der extrem trübe Winter 2012/13 noch unterboten. Was tun? Eine bewährte Antwort auf monatelange Dunkelheit kommt aus Finnland. Sie wird dort „Kalsarikännit“ genannt, auf Deutsch ungefähr „sich allein zu Hause in Unterhosen betrinken“. Vermutlich hat sie im vergangenen Quartal auch in unseren Breiten einigen Anklang gefunden.
Für Abwechslung im trostlosen Einerlei sorgten der Sturm „Burglind“ am 2. und 3. Januar und der Orkan „Friederike“ am 18. des Monats, der – exakt elf Jahre nach dem legendären „Kyrill“ – im Solling und im Raum Einbeck etliche Fichtenplantagen rasierte. Im Nörtener Wald und im Bramwald mussten auch Laubbäume dran glauben, weil das völlig aufgeweichte Erdreich selbst tiefen Wurzeln keinen Halt mehr bot. Im Februar wurde es heller und kälter, viele Stillgewässer und Überschwemmungsflächen froren zum großen Teil zu – und es gab, zumindest für ein paar Tage, Vitamin D satt … In der letzten Dekade schlug die russische Frostknute richtig zu, mit tagelangem Dauerfrost, Nachttemperaturen bis -16°C, schneidendem Ostwind, viel Sonne und wenig Schnee. Zum Schluss wies unter den Stillgewässern nur noch der Northeimer Freizeitsee eisfreie Stellen von nennenswerter Ausdehnung auf, an denen sich Hunderte Wasservögel sammelten.

Die süd-niedersächsischen Vogelbeobachter/innen ließen sich, bis auf einen notorischen Wintermuffel, von diesen Widrigkeiten nicht verdrießen. Sie folgten tagaus, tagein den Spuren ihrer Lieblinge, auch wenn es oft immer dieselben waren. So kamen etwas mehr als 15.000 Beobachtungen für unsere Datenbank ornitho.de zusammen.

Unser treuer lettischer Singschwan mit der Halsbandmarkierung 2E94 ließ sich in seinem sechsten Winter Zeit: Den Dezember verbummelte er offenbar in Mecklenburg-Vorpommern. Im Leinepolder traf er erst am 4. Januar ein. Wenig später leistete ihm ein Paar dort Gesellschaft. Nach dem 27. Januar war das Trio wieder verschwunden. Ab Anfang Februar konnte er im Märkischen Oderland festgestellt werden, allerdings war der Halsring gebrochen. Wenn dieser abfällt bzw. nicht rechtzeitig ersetzt werden kann, wird man über das weitere Schicksal des Vogels vielleicht kaum noch etwas erfahren. Er trägt zwar auch einen Metallring (LVR-EP335), der aber schwerer abzulesen ist als das auffällige Halsband.

Abb. 2: Kanadagans und Weißwangengans an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Ein kleiner Trupp von drei Kanadagänsen, möglicherweise das Brutpaar vom Lutteranger mit seinem Jungvogel, wurde Ende Dezember im Leinepolder und Mitte Februar im Seeanger notiert, ein Einzelvogel hielt sich im Februar über Tage an der Kiesgrube Reinshof auf.

Am 27. Januar standen sechs Weißwangengänse an der Geschiebesperre Hollenstedt, ansonsten gab es an den Feuchtgebieten die üblichen ein bis zwei herumstreifenden Vögel.

Das Maximum rastender Tundrasaatgänse konnte am 20. Januar mit ca. 3800 Ind. im Leinepolder dokumentiert werden. Bei der Blässgans waren es 1600 Ind. am 31. Dezember ebenda. Mit dem Kälteeinbruch Mitte Februar stiegen die Zahlen an der Geschiebsperre mit bis zu 2500 bzw. 1000 Ind. wieder an. Eine am 25. November 2011 in Noord-Brabant (Niederlande) halsbandmarkierte (schwarz 5VA) Blässgans konnte am 21. Januar im Seeanger abgelesen werden. Die meisten deutschen Winter-Wiederfunde stammen aus dem Osten. Über das Brutgebiet des Vogels ist (noch) nichts bekannt.

Winterliche Brandgänse sind mittlerweile Normalität, aber gleich 15 Ind. am 3. Januar im Seeanger einer besonderen Erwähnung wert.
Das Winter-Maximum von 220 Schnatterenten am 20. Januar im Polder ist durchaus beachtlich.

Bis zu ihrem Zufrieren waren die angestauten Polderflächen auch für Pfeifenten sehr attraktiv. Sie erreichten am 31. Dezember mit mindestens 900 Ind. ein Maximum, das bis dato nur auf dem Heimzug 1999 mit insgesamt ca. 1300 Vögeln am Seeburger See und an der Geschiebesperre übertroffen wurde.

Abb. 3: Krickente an der Leine in Göttingen. Foto: S. Hillmer

Auch Krickenten waren im Polder mit bis zu 700 Ind. am 7. Januar gut vertreten. Dies betrifft auch den Seeanger und Seeburger See, wo sich im Januar mit bis zu 180 Ind. ungewöhnlich viele aufhielten.

Eine männliche Moorente geriet am 10. Dezember an den Northeimer Kiesteichen und ab dem 19. Februar an der Geschiebesperre in den Blick. Ein gelbes Steinhuder Stigma war bei den schwimmenden Vögeln nicht zu erkennen.

Der seit dem 30. Oktober am Seeburger See präsente männliche Hybrid Tafel- x Reiherente konnte dort nach dem 28. Januar nicht mehr festgestellt werden. Möglicherweise wechselte er auf den Northeimer Freizeitsee, wo ab dem 24. Februar ein Vogel der gleichen Kombination bestimmt wurde.

Abb. 4: Bergentenerpel im 2. Kalenderjahr auf dem Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Am 2. Dezember rastete eine junge Bergente auf dem Seeburger See. Ihr folgte am 19. des Monats im Leinepolder ein gleichaltriger Artgenosse. Von Ende Dezember bis zum 9. Februar (weitgehende Vereisung des Gewässers) hielten sich am Seeburger See ein bis (meistens) zwei Ind. auf, darunter ein junges Männchen. Am 3. und 4. Februar wurden drei Vögel gemeldet. Der Besuch eines weibchenfarbenen Vogels am 1. Januar auf dem Northeimer Freizeitsee war offenbar nur kurz. Am 20. Januar ließ sich an der Geschiebesperre ein weibchenfarbener Vogel bestimmen, am 27. des Monats im Leinepolder ein junges Weibchen. Ein weiterer Vogel ebenda am 7. Februar war nicht identisch mit einem Artgenossen, der ab dem 13. Februar, also nach der Vereisung der angestauten Wasserflächen im Polder, zwischen der Geschiebesperre und dem Freizeitsee pendelte. Dieser sah jedoch dem Poldervogel vom 19. Dezember recht ähnlich.

Am 19. Dezember bereicherten sechs Trauerenten die Vogelwelt des Polders ungemein.

Vom 26. Dezember bis zum 7. Februar zeigten sechs Samtenten, darunter ein junges Männchen mit temporärem Balzgehabe, am Seeburger See eine recht lange, aber für diese Art nicht untypische Verweildauer. Nach der weitgehenden Vereisung reduzierte sich ihre Zahl am 9. Februar auf zwei Ind., danach gab es keine Nachweise mehr.

Auf dem Northeimer Freizeitsee überwintern bis zu drei Rothalstaucher. Zwei Ind., die sich ab dem 10. Januar auf dem Seeburger See eingefunden hatten, mussten nach dem 7. Februar dem Eis weichen.

Anders als bei der vorgenannten Art sind Überwinterungen des Schwarzhalstauchers in unserer Region die große Ausnahme. Insofern sind zwei robuste Vögel vom 23. Dezember bis Ende Februar auf dem Northeimer Freizeitsee eine besondere Erwähnung wert.

Abb. 5: Balken-Silberreiher am Kiessee. Foto: M. Siebner

Milde Temperaturen bis Ende Januar, wenig Schnee und das opulente Angebot von Überschwemmungsflächen ermöglichten der Rekordzahl von mindestens zehn Weißstörchen die erfolgreiche Überwinterung, vor allem im Leinepolder Salzderhelden und Umgebung sowie im Umfeld des Seeburger Sees. Es dürfte sich mehrheitlich um ansässige Revierpaare gehandelt haben. Im Februar waren auch andere Brutplätze recht früh besetzt. Über Abwanderungen in der klirrenden Frostwoche zum Ende des Monats ist nichts bekannt.

Am 4. Februar gelangte, laut „Göttinger Tageblatt“, ein angeschossener Graureiher in eine Auffangstation in Hilkerode, wo er verstarb. Die Straftat geschah bei Westerode. Ob man den Kriminellen, der „aus dem Jagdbereich“ stammen soll, dingfest machen wird? Darauf wetten sollte man besser nicht…

Abb. 6: Erwartungsvoll verfroren: Weißstorchpaar bei Hollenstedt. Foto: M. Siebner

Milde Temperaturen bis Ende Januar, wenig Schnee und das opulente Angebot von Überschwemmungsflächen ermöglichten der Rekordzahl von mindestens zehn Weißstörchen die erfolgreiche Überwinterung, vor allem im Leinepolder Salzderhelden und Umgebung sowie im Umfeld des Seeburger Sees. Es dürfte sich mehrheitlich um ansässige Revierpaare gehandelt haben. Im Februar waren auch andere Brutplätze recht früh besetzt. Über Abwanderungen in der klirrenden Frostwoche zum Ende des Monats ist nichts bekannt.

Nur drei Kornweihen wurden gemeldet: Ein Weibchen am 26. Dezember im Polder und je ein Männchen am 9. Februar in der Feldmark Relliehausen und am 25. Februar in der Feldmark Moringen. Damit bestätigte sich der Status als (in der Regel) eher seltener Wintergast.
Fast schon Normalität: In der letzten Februardekade mischte ein junger Seeadler die Wasservögel am Freizeitsee und an der Geschiebesperre auf.
Noch seltener als Kornweihen traten winterliche Merline in Erscheinung: Am 26. Dezember hielt sich im Polder ein junges Weibchen auf.

Bedingt durch die milde Witterung stotterte der Wegzug der Kraniche vor sich hin. Am 21. Dezember rasteten noch 500 Ind. im Leinepolder. In der ersten Januardekade belebte sich das Zuggeschehen mit knapp 2000 Kälte-/Schneeflüchtern aus dem Nordosten. Bereits ab dem 1. Februar konnten erste Heimzugaktivitäten notiert werden. Bis zum 20. des Monats zogen mindestens ca. 2700 Ind. nach Nordosten – kühn der Kälte entgegen. In dieser Summe sind akustische Wahrnehmungen in der Dunkelheit nicht enthalten, daher könnten es auch einige mehr gewesen sein.
Wasserrallen sind auch im Winter an einigen Gewässern (vor allem am Seeburger See, wo heuer bis zu sechs vernommen wurden) nicht selten anzutreffen. Dagegen fiel je ein rufender Vogel am 2. Januar in der Schwülmeaue bei Adelebsen und am 30. Januar in der Göttinger Weststadt, in einem Brombeergebüsch neben einer überschwemmten Wiese, aus dem Rahmen.

Im Dezember ließen sich verbreitet noch Trupps des Kiebitz‘ ausmachen. Die größte Anzahl wurde am 18. mit mindestens 220 Ind. am Seeanger registriert. Auch im Januar waren sie noch präsent, im Polder und an der Geschiebesperre Hollenstedt hielten sich Gruppen von knapp 40 Vögeln auf. Im kalten Februar war es ähnlich. Größere Heimzugbewegungen waren bis zum Ende des Berichtszeitraums nicht zu vermelden.

2018-04-04T21:38:44+00:00 März 1st, 2018|Archiv|

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